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Tag

rumi

Die Nacht

Sufi
Schlaf nicht, Gastfreund, mein Gedanke! diese Nacht:
Dem ich trauten Zuspruch danke diese Nacht.

Du, ein Engelshauch, mir steigend himmelab,
Du bist Arzt, und ich der Kranke, diese Nacht.

Bann den Schlummer, daß Geheimnis unserm Blick
Trete aus dem Heil’genschranke diese Nacht.

Kreiset hell, ihr Stern’ am Himmel, daß zum Licht
Sich empor die Seele ranke diese Nacht.

Edelstein’, aus euren Grüften blitzet auf,
Gegen Stern’ im süßen Zanke diese Nacht.

Flügle dich hinauf, mein Adler, sonnenwärts,
Und mir nicht im Dunklen schwanke diese Nacht.

Gott sei Dank, sie schlafen alle. Gott und ich
Stehn allein nun in der Schranke diese Nacht.

Diese Nacht ist hell von Sonnen, leuchtend mild,
Daß davon mein Blick nicht wanke diese Nacht.

Welch Getümmel wacht am hellen Sternenmarkt;
Lyra tönt, die goldne schlanke, diese Nacht.

Löw’ und Stier und Widder strahlen Kampf für Licht,
Und Orions Schwert, das blanke, diese Nacht.

Skorpion und Schlange flüchten, Krone winkt,
Und die Jungfrau labt mit Tranke, diese Nacht.

Schweigend bind’ ich meine Zunge, lustberauscht;
Ohne Zunge sprich, Gedanke, diese Nacht.

Rumi(1207-1273)
(Übersetzung von Friedrich Rückert 1819)

Freundschaft und Liebe

Rumi_04

Solange dieser Himmel noch
die alte Spiegelwirkung tut,
Ist in der Liebe Ozean
gemischt und dort am Werk das Blut.
Bald tritt als Röte es zutag,
bald belibt es unsichtbar.
Im Innern aber Nacht und Tag
sein Tosen niemals ruht.

Die Liebe schenkt den Teil erst
und dann das ganze All.
Die Traube ist erst sauer
und dann ein süßer Ball.
Und so ist auch die Regel,
Herz, wenn der lenz sich naht:
Erst meldet sich die Katze,
Dann singst die Nachtigall.

Morgens ging ich in den Garten,
eine Rose mir zu pflücken,
Heimlich und in Furcht, der Gärtner
könnte mich dabei erblicken,
Dock es waren seine Worte
köstlich über mein Erwarten:
“Nicht die Rose nur allein, ich
Schenke dir den ganzen Garten!”

Der ist kein Liebender, der nicht
Bewegt ist wie der Geist,
Der nicht bei Nacht wie en Gestirn
den schönen Mond umkreist.
Beherzige von mir dies Wort,
das keine Torheit ist:
Die Fahne kann nicht tanzen, wenn
an ihr kein Sturmwind reißt.

Dein Auge hält alle mit göttlichem Zauber gefangen,
In jedem Winken Verliebte, die hangen und bangen.
Dein Haar ist wie Heiden so schwarz, doch die
mondhellen Wangen
sind fromm; so kann Licht erst bei Nacht seine
Leuchtkraft erlangen.
Ich lausche im Winde der Kunde,
die er von Ihm mir bringt.
Der trunkenen Nachtigall lausch ich,
die Seinen Namen singt.
Von dem an der Pforte des Herzens
das Bildnis ich gewahrt,
des Freundes Stimme lausch ich,
die auf dem Dach erklingt.

Bin ich bei Dir, wach ich vor Lust und Lachen.
bin ich Dir fern, mich Aualen schlaflos machen.
In solchen Nächten, beiden, preis ich Gott.
Du aber unterscheide doch dies Wachen!

Wenn ich um Deinetwillen sterbe,
geb ich mein Leben freudig hin,
Da ich als Dein geringster Sklave
noch mächtig wie ein Ketten deiner Locken mich,
Betört bin ich von diesen Augen
aus Kaschmir voller Zaubersinn.

Ich bin der Staub, Du die Sonne,
die mir das Licht zuteilt.
Ich bin vor Kummer krank, Du
das Mittel, das mich heilt.
Ich fliege ohne Flügel
und Federn zu Dir hin,
Der Bernstein Du, ich ein Stroh nur,
von deinem Sog ereilt.

Traumbild des Herzens. Hundert Vierzeiler.
von Dschelaleddin Rumi,- Manesse-Vlg.,
Stuttgart Erscheinungsdatum: 1992

BUCHEMPFEHLUNG:RUMI UND DIE ISLAMISCHE MYSTIK

RumiBuch

Yasar Nuri Öztürk
Nevfel Cumart (Übersetzung)
Rumi und die islamische Mystik
Über das Menschenbild im Islam
Aus dem Türkischen übertragen und mit Anmerkungen versehen von Nevfel Cuma

ZUM INHALT

Maulana Dschelaleddin Rumi (1207 in Balch/Afghanistan – 1273 in Konya/Türkei) gilt als der größte Mystiker und Dichter der islamischen Welt. In seinem gigantischen Werk spiegelt sich die gesamte islamische Tradition des 13. Jahrhunderts in mannigfachen Brechungen wieder. Rumis Hauptwerk »Mathnawi«, das aus mehr als 26.000 Doppelversen besteht, gehört zur Weltliteratur und wird oft als der »Koran in persischer Sprache« bezeichnet. Rumis Verse haben mehr als irgendein Werk – abgesehen vom Koran – die Literatur der islamischen Völker beeinflußt. Die Lehren und Weisheiten Rumis, die im Kern ein tolerantes kultur-übergreifendes Miteinander propagieren, sind heute ebenso aktuell wie vor sieben Jahrhunderten …
Yasar Nuri Öztürk widmet sich zunächst dem Werdegang Rumis und beleuchtet die geistig-kulturellen Hintergründe seines Schaffens. Er charakterisiert in chronologischer Folge die wichtigsten literarischen Werke Rumis und ordnet sie in sein Gesamtwirken ein. Schließlich widmet sich Öztürk einem der zentralen Themen, die sich durch das Werk Rumis ziehen: dem Menschenbild. Zum Abschluß geht Öztürk der Frage nach, welche Bedeutung das Werk Rumis für unsere Zeit hat.
Öztürks Buch ist mehr als eine Monographie des großen Gelehrten, Poeten und Mystikers und Begründers des »Ordens der Tanzenden Derwische«. Es bietet vor allem Einblicke in wesentliche Grundlagen und Aspekte der islamischen Mystik, dem Sufismus, der von Rumis Werk nachhaltig beeinflußt wurde.

YAŞAR NURİ ÖZTÜRK, geboren 1945, arbeitete bis 1976 als Rechtsanwalt und promovierte 1980 in Islamischer Philosophie; seit 1993 ordentlicher Professor und Dekan der Theologischen Fakultät an der Universität Istanbul, seit 2002 Abgeordneter für die Republikanische Volkspartei im türkischen Parlament. Im Frühjahr 2005 gründete Öztürk in Ankara die »Partei des Volksaufschwungs« (»HYP- Halkin Yükselisi Partisi«), deren Vorsitzender er ist. Das Motto der Partei ist »die Aussöhnung von Ratio und Religion«.
Prof. Öztürk hielt sich in zahlreichen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, Afrikas ebenso wie in den USA, Korea und Japan zu Forschungszwecken auf, arbeitete an der Universität von Grenoble und war in New York Gastprofessor für Islamische Philosophie und Mystik; zahlreiche Publikationen auch auf Arabisch, Französisch, Englisch und Persisch. Für seine Arbeiten erhielt er 1978 und 1982 Auszeichnungen der »Nationalen Türkischen Kulturstiftung«. Prof. Öztürk ist der bekannteste zeitgenössische Theologe der Türkei mit einem großen Einfluß auf breite Schichten der Bevölkerung, insbesondere mit seinen zahlreichen Büchern, die allesamt hohe Auflagen erreichen.

NEVFEL CUMART, geboren 1964 in Lingenfeld, studierte Turkologie, Arabistik und Islamwissenschaft und arbeitet als freiberuflicher Schriftsteller, Journalist und Übersetzer (u. a. Yasar Kemal, Aziz Nesin, Fazil Hüsnü Daglarca, Inci Aral und Celil Oker). Cumart veröffentlichte bisher 14 Gedichtbände in Deutsch, Türkisch und Englisch. Als Referent hält er Vorträge und leitet Seminare über türkeikundliche Themen sowie über die Religion des Islams. Seine Lese- und Vortragsreisen führten ihn vielfach ins Ausland, u. a. nach England, Irland, in die Türkei und die Schweiz. 2008 erhielt er den Eon-Kulturpreis Bayern.

ACHTE GUT AUF DIESEN TAG

Achte gut auf diesen Tag,
denn er ist das Leben –
das Leben allen Lebens.
In seinem kurzen Ablauf liegt alle seine
Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins,
die Wonne des Wachsens,
die Größe der Tat,
die Herrlichkeit der Kraft.
Denn das Gestern ist nichts als ein Traum
und das Morgen nur eine Vision.

Das Heute jedoch, recht gelebt,
macht jedes Gestern
zu einem Traum voller Glück
und jedes Morgen
zu einer Vision voller Hoffnung.

Darum achte gut auf diesen Tag.

Rumi

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