„Es geht um die Kraft der Liebe, die allein uns retten kann.“ 

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  • Herr Schami, Sie leben seit 44 Jahren im deutschen Exil, kehren jedoch in Ihren Geschichten immer wieder nach Damaskus zurück. Man hat das Gefühl, dass ein Teil von Ihnen stets im Damaskus Ihrer Kindheit lebt. Was bedeutet diese wunderbare Stadt für Sie?

  • In der Tat spielen fast alle meine Geschichten und Romane in Damaskus. Das hat mit meiner Sehnsucht zu tun, weil ich seit 44 Jahren die Stadt nicht betreten darf. Ich schreibe quasi um durch die Literatur von der Hintertür in die Stadt zu gehen, nachdem man mich heraus geschmissen hat. Aber das hat auch damit zu tun, dass ich diese Stadt so gut kenne wie keine andere. Inzwischen habe ich eine Bibliothek mit Dokumenten über die Stadt, so dass ich besser recherchieren kann als ein Autor, der in Damaskus lebt, da ich in Freiheit lebe.

 

  • Es gibt in der arabischen Welt eine traditionelle Kultur des mündlichen Erzählens. Sie sind selbst auch ein fabelhafter ”Geschichtenerzähler”, der jedoch die Balance zwischen diesem herkömmlichen Erzählen und dem schriftlichen Erzählen des Westens hervorragend meistert. Was ist Ihr Ansatz bei dieser Mixtur?

  • Die mündliche Erzählkunst ins 21. Jahrhundert zu retten. Solange man erzählt hat man Hoffnung. Und mündlich erzählen heißt mündig sein, heißt Mut haben, heißt bewusst andere informieren. Die Freiheit braucht solche mündige Bürger. Ich möchte weder von Prinzessinnen noch von irgendwelchen Kalifen erzählen. Meine Helden, sind Menschen, die in jeder Gasse und jedem Dorf begegnet werden können. Mein Glück ist es, das diese Kunst in Deutschland sehr gut angekommen ist. Meine Veranstaltungen sind seit Jahrzehnt alle ausverkauft. Gestern in Tübingen waren bei mir 1200 Zuhöreninnen und Zuhörer. Das erfüllt mich mit Glück, dass meine geduldige Bemühung seit dreißig Jahren um diese Kunst Früchte tragen.

 Nachahmer bleiben als elende Schatten, die davon träumen ein Licht zu werden.“ 

  • Beim kürzlich verstorbenen bedeutenden Schriftsteller Yaşar Kemal lagen die Ursprünge seines Erzählens noch im mündlichen Vortrag. Auch er repräsentierte die Spanne vom mündlichen Erzähler zum modernen Schriftsteller. Denken Sie, dass die neuen Schriftsteller unserer Region sich an ihren Wurzeln orientieren sollten?

  • Yasar Kemal war einer meiner Vorbilder. Ich habe die meisten seiner Romane gelesen. Auch in seiner Haltung war er ein Vorbild für die arabischen Schriftsteller. Aber Yaşar Kemal stirbt nicht. Er lebt in vielen Herzen. Ich habe immer dafür plädiert, dass unsere Autoren nicht die miserable Rolle eines arabischen Hemingway, Kafka oder Balzac spielen sollten, denn Nachahmer bleiben als elende Schatten, die davon träumen ein Licht zu werden. Sie sollten vielmehr zu den Wurzeln ihrer Erzählkultur zurückgehen, sie nicht verherrlichen, sondern die nützlichen Elemente aufnehmen und die Tradition überwinden um eine neue dem Jahrhundert, der Moderne passende Art zu erfinden. So wird die alte Tradition Dünger für die neue.

 

  • Die moderne türkische Literatur schlug durch die geschichtlichen und politischen Entwicklungen im Land verschiedene Richtungen ein. Was denken Sie über die türkische Literatur? Gibt es türkische Schriftsteller, die Sie gerne lesen?

  • Ich habe in Syrien Nazım Hikmet, Yaşar Kemal und ein paar Satiren von Aziz Nesin gelesen. In Deutschland aber konnte ich viel mehr türkische Autoren kennenlernen, die ins Deutsche übertragen wurden. Dafür gehört mein Dank der tüchtigen Übersetzerinnen und Übersetzer und an erster Stelle meinem Freund Yüksel Pazarkaya. Aber auch durch Gespräche mit meinem Freund Habib Bektaş wurde ich auf etwas unbekanntere Autoren aufmerksam. Auch der Nobelpreisträger Orhan Pamuk habe ich gerne gelesen. Er ist im selben deutschen Verlag (Hanser) mit mir. Aber man darf auch zwei Verlage nicht vergessen, die sich um die Übersetzung der türkischen Literatur bemüht haben der Ararat-Verlag (bis 1985) und der bis heute aktiver Verlag Dagyeli. Die türkische Literatur ist ein großartiger Regenbogen. Sie entfaltete sich besonders gut und trotz Phasen der Diktatur, weil die Türkei anders als alle arabische Länder eine Trennung von Staat und Religion geschaffen hat und bisher nie die Herrschaft einer einzigen unfehlbaren göttlichen oder teuflischen Partei durchgemacht hat.

 

  • Können Autoren und Kulturschaffende über ihre künstlerische Tätigkeit hinaus Einfluss auf die Entwicklung der Demokratie haben – insbesondere in den Ländern des Nahen Ostens?

  • Wenn Sie die Autoren als Bürger meinen, dann ja, indem sie gegen die Ungerechtigkeit, gegen die Demütigung, gegen den Chauvinismus, gegen die Unterdrückung der Frau mutig auftreten. Als Autoren können sie Vorbilder sein wie sie in Würde leben. Sollten sie in einer Diktatur im Inland leben müssen, so müssen sie nicht Märtyrer werden, sondern sich von jedwede Stärkung der undemokratischen Regime fern halten, um nicht „Wortsöldner“ zu werden, wie ich manche syrischen Autoren nenne, die ein handlanger des Geheimdienstes wurden und ihre eigenen Kollegen anzeigen und diffamieren. Wenn sie flüchten können, haben sie die Aufgabe neben ihrer Kunstarbeit dafür zu sorgen, dass die Diktatur entlarvt wird. Sie müssen bedingungslos für Demokratie und Freiheit eintreten.

  • Sie sagten in einem früheren Gespräch, dass das Wort- egal wie pathetisch es klingen mag- die letzte Freiheit ist, über die wir verfügen.

     

  • Ja, und zugleich das Wichtigste, denn ohne das freie Wort sind wir verloren. Das mutige Erzählen, auch und vor allem in einer düsteren Zeit, hat auch mit Liebe zu tun; man erzählt, weil man die Menschen liebt und ihnen eine andere Welt vorführen will. Das ist immer der Anfang eines Aufstandes für die Würde.

 

  • Wie beurteilen Sie die politische Entwicklung in Syrien und das Vorgehen des Präsidenten? Glauben Sie, dass der Westen hier diplomatisch mehr eingreifen sollte?

  • Die Entwicklung ist katastrophal. Der Westen hat jede Glaubwürdigkeit verloren. Seine Geheimdienste arbeiten bis heute mit dem mörderischen Regime. Nicht einmal die Flüchtlinge in der Türkei, im Libanon oder Jordanien helfen sie aus vollem Herzen. Die weiche Haltung des Westens und die Entschiedenheit der Iraner und der Russen haben das Regime bis heute durchhalten lassen.

 

  • Städte wie Damaskus oder Beirut sind seit der Antike ein Schmelztiegel verschiedener Ethnizitäten und Religionsgemeinschaften gewesen, die wichtige Orte für kosmopolitische Lebenskultur wurden. Diese Kultur wird jetzt durch Radikalisierung auf verschiedenen Ebenen bedroht und sogar zerstört. Diese Städte sind aber auch Orte, wo die Menschen an Märchen und Sagen glauben. Wie kommen Sie mit dieser Realität zurecht in Bezug auf das ”Erzählen”?

  • Natürlich kann man sagen, Damaskus hat in 9000 Jahren so viele Zerstörungen überlebt und ist wie Phönix aus der Asche auferstanden. Aber das ist ein schwacher Trost in Zeiten der totalen Zerstörung. Die Vernichtung der Grundlagen einer zivilen Gesellschaft, einer modernen Gesellschaft, die Infrastruktur jeder Entwicklung ist schlimm, doch viel schlimmer ist die Zerstörung in unseren Seelen. Die Städte, die Straßen und die Wirtschaft können mit geeigneter Hilfe wieder aufgebaut werden. Wir kennen genug Beispiele aus der Geschichte, doch die asiatische Gesellschaft bestand mehr als die europäischen aus einem filigranen Gleichgewicht der Ethnien, Religionsgemeinschaften und sogar der Systeme (etwa die moderne städtische mit absolut archaische Sippensystem im ländlichen. Diese Diskrepanz kennt Europa nicht). Ich fürchte, dass diese Zerstörung schwer zu reparieren sein wird.

 „Die Kinder sind die ersten Verlierer eines jeden Krieges.“ 

  • Sie haben mit einer Gruppe von Bürgern verschiedener Konfessionen einen Verein initiiert, der syrischen Kindern und Jugendlichen ehrenamtlich hilft. Wie helfen Sie syrischen Flüchtlingen in dieser Region?

  • Wir haben festgestellt, dass Kinder die ersten Verlierer eines jeden Krieges sind. Heute im Jahre 2015 haben die syrischen Kinder bereits vier Jahre Ausbildung verloren. Deshalb haben wir Schams e.V. gegründet, die den syrischen Kindern in der Türkei, Jordanien und im Libanon hilft, zurück zum Alltag zu kehren. Wir helfen nur begrenzte Zahl von Projekten, die aber langfristig. Das benötigte Geld kommt durch Spenden oder durch Benefizveranstaltungen. Auf unserer Homepage haben wir die Projekte genau beschrieben.

    http://www.schams.org/Freunde von uns kontrollieren am Ort, ob alles stimmt. Das tun wir in Respekt vor den Spendern und vor den Kindern.

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  • Sie sind dabei Ihr letztes Buch, zu Ende zu schreiben. Könnten Sie uns ein bisschen verraten, worauf Ihre Leser sich freuen dürfen?

  • Der Roman ist nun sieben Jahre nach dem letzten Roman fertig und wird im Verlag korrigiert. Der Titel lautet: „Sophia, oder der Anfang aller Geschichte“. Er erscheint im September und mit ihm mache ich eine gewaltige Tournee mit ca. 100 Lesungen in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Die Termine werden bald offiziell auf der Homepage des Verlages und auf meiner Homepage stehen. Der Roman ist eine Liebesgeschichte, die einen Thriller umklammert. Es geht um einen sehr authentischen Fall. Der Held bekommt nach 40 Jahren Amnestie fliegt nach Damaskus, um seine Familie zu besuchen, nicht ahnend, dass es eine Falle ist… Er spielt in der Zeit vor dem Aufstand. Mich interessiert als Romancier die Zeit vor den Aufständen, wo die Erde bebt aber es ist noch nichts passiert. Es geht aber um die Kraft der Liebe, die allein uns retten kann.

 

Das Gespräch führte Meltem Demir ‘Slonate’

 

 

  • Rafik Schami, 1946 in Damaskus geboren, wanderte 1971 in die
    Bundesrepublik aus. Er studierte Chemie in Heidelberg und schloss
    sein Studium 1979 mit der Promotion ab. Heute zählte er zu den
    bedeutendsten Autoren deutscher Sprache. Seine Bücher erschienen in
    27 Sprachen und wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit
    dem Hermann-Hesse-Preis. Dem Chamisso-Preis, dem Nelly-Sachs-
    Preis und den Preis gegen das Vergessen und für Demokratie.
    Seit 2002 ist Rafik Schami Mitglied der Bayerischen Akademie der
    Schönen Künste. Veröffentlichungen u.a.: Eine Hand voller Sterne
    (1987), Erzähler der Nacht (1989), Der ehrliche Lügner ( 1992),
    Die dunkle Seite der Liebe (2004), Damaskus im Herzen (2006), Das
    Geheimnis des Kalligraphen (2008), Die Frau, die ihren Mann auf
    dem Flohmarkt verkaufte (2011), Eine deutsche Leidenschaft
    namens Nudelsalat (2012), Der Mut, die Würde und das Wort
    (2013), Sophia, oder der Anfang aller Geschichte (2015)

     

 

Diese Reportage wurde im Januar 2016 in dem Literaturblog “egoist okur” und im “Düşülke‘ in türkischer Sprache veröffentlicht. Das Gespräch können Sie hier und hier lesen.

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